3 Bade­meister

Es begann mit einer SMS von einem Kumpel, nennen wir ihn Klaus. Sie lautete in etwa so: "Ahoy Genosse! Hab jetzt 'n Firmenwagen und muss kein Benzin mehr zahlen. Lass irgendwo in Urlaub fahren. Viele Grüße vom Kacksaal!" Das waren in mehrerer Hinsicht fantastische Neuigkeiten. Nicht nur war er offenkundig dabei, einen Kobold ins Klo zu boxen, was ich ihm von Herzen gönnte. Wir würden auch recht kostengünstig eine Erholungsreise antreten können. Ich wand jedoch per SMS ein: "Geilo werter Freund, aber bedenke: die Autofahrt mag zwar kostenneutral sein, für die Unterkunft jedoch müssen wir selbst aufkommen. Gut Kack!" Doch wenige Sekunden später brummte schon mein Telefon mit der Lösung: "Zelten am Bodensee?" "Gut."

Und so fuhren wir ein-zwei Wochen später mit seinem Gefährt und allerhand Gerümpel im Kofferraum gen Süden. Zuvor mussten wir noch etwas tricksen um entgegen der Sicherheitsbestimmungen während der Fahrt Seinfeld gucken zu können, denn der kleine Bildschirm in der Mittelkonsole schaltete sich beim Anfahren ständig ab, vermutlich um den Fahrer nicht abzulenken. Der Trick bestand darin, das Video im Stand zu starten, dann mit offener Beifahrertür loszufahren und diese erst bei über 30km/h wieder zu schließen. Leider wurde diese Prozedur mit jeder neuen Folge fällig, wir mussten also aufgrund der geringen Länge der Seinfeld-Folgen sehr oft halten.

Letztlich kamen wir aber dennoch einigermaßen gut unterhalten am Campingplatz an. Die Süddeutschen waren mir auf Anhieb unsympathisch. Ich wollte am Kiosk einige Duschmarken erwerben, worauf der Campingkauz allen Ernstes sagte "Vier Duschgroschen, dafür hätte ich dann gern zwei Taler bitte." Mir entgleiste sogleich das Gesicht. So hatte ich mir meinen Urlaub nicht vorgestellt. "Ha!" rief ich, "Taler! Wie originell! Hahaha!!" Ich warf ihm mit giftigem Blick das gewünschte Geld hin. Er guckte nun ebenfalls grimmig und schob mir wortlos die Marken hin. Freunde würden wir wohl nicht mehr werden, aber ich war auch nicht gekommen um alberne Freunde zu finden.

Nach diesem unerfreulichen Zwischenfall lief erst mal alles ganz gut. Auch, dass in der ersten Nacht ein aggressiver Arschlochschwan meinen rechten Schuh aus dem Vorzelt klaute, um ihn einigermaßen zerfetzt ein Stück weiter am Strand zu entsorgen, nahm ich mit Humor. Nicht mal, dass wir beim McDonald's in Konstanz einigen Nerds in die Arme liefen, die ich noch von der Schule kannte und die in der Gegend auf irgendein lahmes Festival wollten, konnte mir die Laune vermiesen.

Am nächsten Mittag gammelte ich so vor dem Zelt rum. Wir hatten uns mit einer Plane ein formidables Sonnendach an einen Baum gezaubert und konnten so direkt am Wasser rumlümmeln, ohne unsere zarte Haut übermäßiger Verbrennungsgefahr auszusetzen. Ich tippte lustlos am Notebook herum und programmierte irgendeinen Scheiß, da tauchte ein komischer Vogel auf und zeigte auf mein Notebook.

"Ist das ein Notebook?"

Ich blickte auf und antwortete wahrheitsgemäß. "Ja", sagte ich.

"Cool." kommentierte er.

Er trug eine große, hässliche GI-Brille wie sie in den 80ern von der US Army an Soldaten ausgegeben wurden, mit so dicken Gläsern, dass seine Augen dahinter aussahen wie ein bekloppter Tiefseefisch. Der Nasenbügel war wohl gebrochen und daher großzügig mit grauem Klebeband umwickelt. Ansonsten trug er Badelatschen, Shorts und um den blassen, dürren Oberkörper flatterte ein ausgeleiertes Muscleshirt. Stellt euch vor, eine Mischung aus Olaf Schubert und dem halbblinden Fabio aus der dritten Klasse, der immer gegen Türen rennt, würde versuchen am Ballermann nicht aufzufallen. So sah er aus.

"'n Schluck Wodka-Eistee?" fragte er nun und streckte mir eine 2l-Plastikflasche Eistee entgegen, den er offenkundig mit Spirituosen angereichert hat. Ich lehnte dankend ab. Nicht nur weil es gerade mal halb zwölf war oder weil ich generell nur ungern Fusel von wildfremden, bekloppt aussehenden Leuten annehme, sondern vor allem, weil der Kerl um den Mund herum seltsame Auswüchse hatte, die mir stark nach Herpes aussahen. Obendrein roch der Besucher auch nicht so gut und ich hoffte auf baldige Verabschiedung desselbigen.

Ich wandte mich wieder meinem Notebook zu, aber entgegen meiner Hoffnungen war das Gespräch damit noch nicht erledigt. Meinem Kumpel war nämlich langweilig und er erhoffte sich von einem Gespräch mit diesem Sonderling wohl etwas Ablenkung oder gar eine lustige Geschichte für Zuhause. Eine solche Geschichte liegt ja denn nun auch vor.

Jedenfalls fragte er den Kauz, wer er denn wohl sei und was er hier so täte und überhaupt. Der wiederum verkündete, er sei mit zwei Freunden da und zeigte auf ein winziges Einpersonenzelt einige Meter von uns entfernt. Davor saß ein nicht minder verwahrloster junger Herr und aus dem Zelt guckten zwei zerfledderte Badelatschen, die auch vom dritten Nachbarn kein exorbitant mondänes Auftreten erhoffen ließen. Nummer Zwei hatte auch sofort verstanden was Sache war und klatschte Nummer Drei auf die Wade, woraufhin der sich nach mehrmaligem Anlauf und einigen Verhedderungen aus dem Zelt befreite. Seinem zerknüllten Gesicht nach zu urteilen hatte er geschlafen, oder vielleicht gehörte die Fresse einfach so, keine Ahnung, ich bin ja auch kein Wissenschaftler. "Das Zelt ist zu klein, wir wechseln uns ab mit Schlafen" erklärte Herpesbrille, während die anderen beiden zu uns schlenderten und sich ganz selbstverständlich unter unserer Plane häuslich einrichteten.

"Wann seid ihr denn angekommen und wo kommt ihr her?" fragte Klaus. Keine schlechte Frage, musste ich ehrlich zugeben, denn auch ich war mich sicher, dass das Zelt der Rabauken am Vorabend noch nicht dort gestanden hatte.

"Aus Mannheim, sind gestern Nacht per Anhalter gekommen", bestätigte Nummer Zwei meine messerscharfe Beobachtungsgabe.

"Echt? Aus Mannheim, per Anhalter?" fragte Klaus.

Ich warf ihm einen bösen Blick zu. Wir kamen aus Ludwigshafen, nur eine Brücke von Mannheim entfernt und im Wagen war theoretisch noch Platz. Mir schwante Übles. Bevor sich die Keulen nach unserem Herkunftsort erkundigen und um Mitnahme auf dem Rückweg bitten konnten mischte ich mich schnell ein und wechselte das Thema.

"Und was macht ihr so? Also beruflich?"

Die drei sahen sich kurz an, dann sagten sie fast gleichzeitig: "Wir sind Bademeister!"

"Aha, Bademeister? Und ihr tingelt so über Nacht per Anhalter an den Bodensee um euch vom Schwimmbad zu erholen?"

"Naja..." Nummer Eins druckste etwas herum und tauschte wieder Blicke mit den zwei anderen Pfeifen aus. "Wir sind da in so eine Sache geraten und jetzt sucht man uns in Mannheim, daher mussten wir mal schnell verschwinden."

"Wie, man sucht euch? Die Polizei oder was?"

"Nee, mehr so... Die Mafia."

"Natürlich! Ich wollte selbstverständlich nichts unterstellen!"

Mit Details hielten die Atzen dann aber trotz Nachfragen hinterm Berg. Die drei hatten offensichtlich eh nicht mehr alle Klöten im Sack, aber langsam amüsierte mich deren Anwesenheit genau so wie Klaus. Wir machten uns einen Spaß daraus, Fragen zum Bademeistertum und anderem Unfug zu stellen, die dümmer nicht sein konnten und verkniffen uns das Lachen, wenn die drei Uber-Ronnys jedes Mal zu antworten versuchten, aber offensichtlich auch keine Ahnung hatten, wovon sie redeten.

So krepelten wir mit kurzen Unterbrechungen den ganzen Tag mit den Sattköppen rum, bis wir am Abend irgendwann am Strand saßen, wo wir von der enormen Erfahrung dieser Lebenskünstler profitierten. Zum Beispiel lernten wir, dass man lediglich den Inhalt eines Aschenbechers mit etwas Altöl oder Diesel vermengen und das Gemisch konsumieren muss, um am nächsten Morgen garantiert keinen Kater zu bekommen.

Plötzlich hörten wir unweit in einem Gebüsch etwas rascheln. "Da sind bestimmt Bitches!" rief Nummer Drei, woraufhin die anderen beiden anfingen zu kichern und in Richtung des Gebüschs zu rufen.

"Schneckchen!!"

"Kokosärschel, hier sind wir!"

Ich schämte mich ein bisschen fremd, aber ich wähnte uns ja weit und breit alleine. Umso größer war natürlich meine Überraschung, als aus dem Gebüsch eine fröhliche Frauenstimme zurück rief: "Jaaahaaa, wir kommen!"

Und tatsächlich stolperten eine Sekunde später zwei Tanten aus der Botanik, eine normale und eine Seekuh. Sie setzen sich zu uns auf den Kiesstrand und stellten sich vor. Die Namen weiß ich nicht mehr, genau wie die der drei Stooges. Wir quatschten noch eine Weile, aber ich wurde langsam müde und ich verlor auch etwas das Interesse an dem törichten Trio und den beiden Dorfschlampen. Und "Dorfschlampen" ist nicht mal als Beleidigung gemeint. Es stellte sich nämlich während des Gesprächs raus, dass die beiden im angrenzenden Dorf hausten und an den Wochenenden des nachts auf den Zeltplatz schlichen, um zu gucken was für junge Racker sie mitnehmen konnten.

Wie auch immer, ich verabschiedete mich alsbald ins Bett, der Rest der Geschichte stammt daher aus zweiter Hand. Am nächsten Morgen nämlich war das Zelt unserer Nachbarn mitsamt der Besitzer und der draufgängerischen Damen verschwunden. Wie Klaus mir bei einer Morgenkippe berichtete, war es des Nachts noch zu einer kleinen Swinger-Party gekommen. Während er mit Herpesbrille weiter am Strand verweilt hatte, hatten sich Haudegen Zwei und Drei mit den beiden offenherzigen Trullas zum Zelt verzogen - ein Paar ins Zelt, das andere dahinter - und kurz darauf war vergnügtes Kichern und Klatschen zu hören gewesen - die Art von schmatzendem Geräusch, wie es beim rhythmischen Aufeinanderklatschen zweier fetter, verschwitzter Wampen entsteht. Nach ein paar Minuten hatte sich dann auch Herpes mit dem Ruf "Ok, jetzt bin ich mal, mach Platz!" Richtung Zelt verabschiedet. Die illustre Vögelgesellschaft war daraufhin allerdings zu dem Schluss gekommen, dass das Zelt für ihre Zwecke räumlich unzureichend war und hatte man kurzerhand alles zusammen gepackt und die Orgie ins traute Heim einer der vergnüglichen Besucherinnen verlegt.

Hier könnte die Erzählung jetzt eigentlich enden, hätte mein Kumpel Klaus nicht irgendwann im Laufe des Abends die Telefonnummer eines der Mädels abgegriffen und hätte er nicht im Folgejahr darauf bestanden, wieder auf den gleichen Zeltplatz zu fahren. Ich will nichts unterstellen, aber er machte auch nicht gerade großen Hehl daraus, dass er es den mafiaflüchtigen Bademeistern gerne gleichtun und mal über ein oder zwei Ortsansässige rutschen wollte.

Soweit sollte es dann aber nicht kommen. Während des Telefonats kurz nach unserer Ankunft wurden erst seine Augen groß, dann stellte er das Telefon laut und bat das frivole Fräulein, das bereits erzählte zu wiederholen. Was sie auch tat, während wir uns vor Lachen am Boden kringelten.

Denn wie die anzügliche Alte ausführte lebte sie keinesfalls alleine, sondern bei ihrer Oma. Und nach besagter Nacht wurde es sogar noch enger in der geteilten Butze, denn zwei der Bademeister hatten sich kurzerhand zu bleiben entschlossen, der dritte wohnte derweil bei der schlüpfrigen Seekuh. Sie hatten auch den leichtgläubigen Ludern die Geschichte von ihrer Flucht aus Mannheim erzählt, und die hatten ihnen - zunächst bereitwillig - Asyl geboten. Nachdem sich die drei eine Weile lang aushalten lassen hatten, wurde es den generösen Gastgeberinnen allerdings doch zu bunt, und so forderten sie die drei auf, doch wieder als Bademeister tätig zu werden, um so etwas zum Haushalt beitragen zu können - oder sich alternativ zu verpissen. Bei der Gelegenheit gestanden die drei Vagabunden überraschend, dass keiner von ihnen jemals Bademeister oder sonst irgendwie werktätig gewesen war. Einer der drei machte sich dann auch zügig aus dem Staub. Die anderen beiden - so die Erzählung - würden in Konstanz auf der Straße mit Blockflöte und Tamburin musizieren und betteln und immer noch, ein Jahr später, bei der mittlerweile doch eher genervten Friseurin in Ausbildung und ihrer gutmütigen Oma hausen.

Wir wünschten Tränen lachend viel Glück auf allen ihren weiteren Wegen, ließen beste Grüße an die beiden verbleibenden Vögel entrichten und legten auf.