Bukarest

Vor ein paar Jahren reiste ich in Begleitung zweier Freunde für ein paar Tage nach Bukarest. Das Essen war lecker und billig, die Menschen freundlich, nur kulturell war das ganze eher ein Reinfall. Die Rumänen bilden sich nämlich mächtig was darauf ein, dass ihre Sprache der römischen wohl sehr ähnelt. So kommt es auch, dass das Nationalmuseum der Geschichte Rumäniens fast ausschließlich aus einem Gipsnachbau einer Säule besteht, die in Rom steht und die Geschichte der Eroberung Rumäniens durch die Römer erzählt.

Ein Stück weiter im historischen Stadtkern befindet sich das "Curtea Veche", ein in den Fünfzigern von Archäologen ausgebuddelter Teil der Butze vom alten Vlad III. Drăculea. Für umgerechnet etwa einen Euro darf man das Gemäuer auf eigene Faust erkunden und für weitere fünfzig Cent kann man zusätzlich eine Führung buchen. Die bestand darin, dass man beim Kassenmann wartete, bis sich genug führungsbedürfte Touristen eingefunden hatten, damit sich der Aufwand für den vermeintlichen Geschichtsexperten lohnte. Dann führte er die gespannte Gruppe etwa dreißig Meter zum Eingang in das Kellergewölbe. Im Keller angekommen zeigte er auf eine Infotafel, sprach in lustigem Englisch "here, you can read now" und schlurfte zurück zu seinem Kassenhäuschen. Zurück blieben führerlose, verwirrte Touristen, die mangels besserer Ideen tatsächlich anfingen die Tafeln zu studieren wie Lemminge. Mir wurde schnell klar, dass man als Aufpreiszahler der Gelackmeierte war, denn es gab keinerlei Sicherheitsvorkehrungen um schmarotzende Nichtzahler davon abzuhalten, sich die kostenpflichtigen Informationen auf den Tafeln gratis zu erschleichen.

Ich wartete kurz ab, ob sich womöglich spontan ein aufgebrachter Mob mit Fackeln und Heugabeln bewaffnen würde, um den Betreiber der Schwindelbude zu pfählen oder zumindest ihr Geld zurückzufordern, aber nichts dergleichen geschah - ich hatte es hier offensichtlich mit antirevolutionären Leisetretern zu tun, die lieber ihr sauer Erspartes in die Tonne traten als dem System in die Eier. Ich pfiff sowohl auf Führung als auch die Gesellschaft dieser Knechte des Duckmäusertums und schickte mich an, die Bude auf eigene Faust zu erkunden. Neben ein paar ganz schicken Grabplatten inspizierte ich eine Konstruktion, die entweder ein Ofen oder ein fürstliches Klo sein sein konnte und stellte mir vor, wie der alte Vlad morgens mit einer Pergamentrolle des Bukarester Anzeigers auf seinem Thron saß und unter Keuchen und Stöhnen einen dunklen Fürsten in die Unterwelt entsandte. Ich wartete einen günstigen Augenblick zum Probesitzen ab, aber ständig schlurften flüsternde Touristen rum auf der Suche nach der nächsten Führertafel.

Frustriert gab ich auf und kletterte aufs Dach der Ruine, um bei einer Zigarette auf meine Freunde zu warten. Keine zwei Meter von mir auf dem Balkon eines Plattenbaus saß ein verschrumpelter alter Mann in Unterhemd und Jogginghose, rauchte ebenfalls und musterte mich neugierig. Wenn ich dort wohnen würde, dachte ich mir, würde ich nachts über den Balkon ins Gemäuer klettern und historisch korrekt und vor allem sehr fürstlich abwursten, genau wie der edle Vlad. Kurz grübelte ich noch über die Herkunft des Ausdrucks Scheißefürst nach, wobei ich geistesabwesend durch den Greis hindurch ansah. Irgendwann merkte ich, dass er mich schon die ganze Zeit verschwörerisch angrinste. Konnte er meine Gedanken zu adligem Stuhlgang lesen? Wohl kaum. Ich guckte fragend und nickte mit dem Kinn in seine Richtung, um zu sagen "Ey was willst du Alter? Problem?!" Er nickte vielsagend und weise lächelnd zurück. Wir verstanden uns ohne Worte: Er wusste es! Nicht nur das, er hatte es selbst schon getan, tat es vermutlich sogar regelmäßig! Meine Augen wurden groß. Der Alte lachte jetzt herzlich und seine Augen strahlten. Wie lange er wohl gewartet haben musste, diese schelmische Freude mit jemandem teilen zu können? Der Teufelskerl wusste einfach wie man lebt, das musste ich ohne Neid anerkennen! Ich lüpfte meinen imaginären Hut und machte einen Diener um ihm den gebührenden Respekt zu zollen. Als er mir daraufhin aber auch noch zuzwinkerte wurde es mir doch zu bunt und ich kletterte wieder runter ins Gemäuer, während der abenteuerliche, im Untergrund kackende Scheißguerilla weiter vor sich hin gackerte.

Als wir uns nach abgeschlossener Besichtigung draußen nach dem schrumpeligen Fremdenführer umsahen, war dieser verschwunden und das Kassenhäuschen verwaist. Offensichtlich war nicht nur der Aufpreis für die Führung optional, sondern der gesamte Eintrittspreis, denn jeder ging ein und aus wie er wollte.

Soviel also zum Kulturprogramm in Bukarest. Aber darum sollte es in dieser Geschichte gar nicht gehen, sondern vielmehr um die nun folgende Begebenheit.

Wir gingen eines Abends in ein sehr kleines und gemütliches Restaurant, in dem Fräulein Beca allerfeinste Speisen in gemütlichem Ambiente kredenzte. Die Inhaberin nahm sich persönlich Zeit uns auf Deutsch sämtliche Speisen zu erklären und nach dem köstlichen Mahl plauschten wir bei rumänischem Schnaps noch über ihren Werdegang von der Büroarbeit bei einem deutschen Konzern zu ihrem großen Traum, dem eigenen Restaurant. Ein sehr schöner Abend, aber letztlich mussten wir uns verabschieden und in unsere jeweiligen Unterkünfte begeben. Unterwegs trennte ich mich dann auch noch von meinen Freunden, denn wir hatten Wohnungen in unterschiedlichen Gegenden gebucht.

So spazierte ich bald vollgefressen, hundemüde und alleine auf den Straßenresten zwischen den Schlaglöchern, als mich zwei Herren mittleren Alters ansprachen. Da ich weder Rumänisch noch Lateinisch beherrsche verstand ich kein Wort, und so fragten sie mich stattdessen auf Englisch nach einer Ziese. Die gibt's in Rumänien fast umsonst, daher gab ich großzügig eine Runde aus ohne auch nur einen Gedanken an drohende Altersarmut verschwenden zu müssen.

"You want girls? Nice girls, very clean! And cheap!" sprach der eine, nachdem wir uns jeder eine Kippe angezündet hatten und zeigte auf ein baufälliges Gebäude, vor dem die beiden zuvor rumgelungert hatten.

Ich war noch nie in einem solchen Etablissement gewesen und hatte auch nie wirkliches Interesse daran. Ich stelle mir das ganze extrem unbehaglich und peinlich vor. Auch die Tatsache, dass die Frauen als sauber und billig beworben wurden, wirkte auf mich nicht unbedingt vertrauenerweckend - und das auch von zwei Männern im besten Alter, die sich offenkundig nicht mal rumänische Zigaretten leisten konnten. Außerdem - selbst wenn ich Bock gehabt hätte, dann wäre ich wohl eher in den Mittelalterpuff ein paar Häuser weiter gegangen, neben dessen Eingang ein Schild mit Damen in historischen Kostümen und Bier in großen authentischen Zinnhumpen warb. Das hätte zumindest eine kuriose Geschichte ergeben.

Ich wollte aber auch nicht unhöflich sein und die Sauberkeit des Personals oder gar die Preispolitik der Geschäftsführung in Frage stellen, daher redete ich mich mit "Nah, thanks guys, I'm fucking tired from all the tourist shit today, gotta go home and sleep." heraus.

"You are tourist? Where from?" zeigte sich der eine interessiert.

Ich antwortete wahrheitsgemäß.

"Oooh, from Germany? So you like boys?" fragte der andere ganz selbstverständlich, als hätte er soeben erfahren, dass ich ich Veganer sei und er würde mir daher statt dem Steak eine Karotte anbieten.

Ich brauchte einen Moment um die mit der Frage implizierte Annahme der rumänischen Animateure zu verarbeiten und wunderte mich, was für einen Umsatz eine bestimmte Klientel aus Deutschland der örtlichen Erlebnisgastronomie wohl bescheren musste, so dass man sie derart gezielt mit den passenden Angeboten zu locken versuchte. Die rauchenden Rumänen dachten derweil aufgrund meiner nachdenklichen Miene wohl, ich würde das Für und Wider eines homoerotischen Intermezzos auf dem Heimweg abwägen und versuchten Überzeugungsarbeit zu leisten:

"Good boys! Very clean, too!" rief der eine.

"And cheap! Very cheap!" rief der andere.

Die Reinlichkeit rumänischer Lustknaben in allen Ehren, aber nachdem ich schon die hygienisch einwandfreien Weibsbilder abgelehnt hatte, musste ich aufgrund inkompatibler Vorlieben auch dieses Angebot ausschlagen, und sei es noch so ein Schnäppchen.

"Haha, no thanks!" sagte ich daher versöhnlich. "There's a throne waiting at home that needs a royal filling!" erklärte ich rückwärts gehend die Dringlichkeit meines Rückzugs und winkte zum Abschied. Sie winkten freundlich zurück und ich begab mich zu meinem Quartier.

So dachte ich zumindest. Denn das Wohnhaus, in dem ich abgestiegen war, hatte verblüffende Ähnlichkeit mit zwei oder drei baugleichen Häusern, mit denen es eine Reihe bildete. Als ich also noch über die statistische Korrelation zwischen sexuellen Präferenzen und Urlaubszielen grübelte, sah ich eine Gruppe Kinder im Hauseingang verschwinden. Weil ich keinen Bock hatte den blöden Code in die widerspenstige, altertümliche Anlage zu hämmern spurtete ich los, schaffte es im letzten Augenblick zur Tür und stolperte in die Eingangshalle. Die Bälger sahen ganz schön runtergekommen aus, aber das passte eigentlich ganz gut ins Gesamtbild des Hauses, daher beschwerte ich mich nicht. War einfach nicht die edelste Gegend. Die Rotzlöffel waren wohl ziemlich erschrocken als ich hinter ihnen ins Haus gepoltert war und guckten mich an wie Rehe in einen Flakscheinwerfer.

"'sup?" fragte ich und marschierte an ihnen vorbei zum Fahrstuhl. Während ich auf das winzige sowjetische Horrorgerät wartete hörte ich die Kinder pseudolateinisch tuscheln, machte mir aber nichts weiter draus.

Nach einem kurzen Kampf mit den ganzen unterschiedlichen Türen des Fahrstuhls stand ich im vierten Stock vor meiner Wohnungstür und - seien wir mal ganz ehrlich, ich war etwas angeschickert - versuchte meinen Schlüssel ins Schloss zu fummeln, bis ich wieder dieses beknackte Getuschel hörte. "Macht euch nur lustig ihr Kackrömer mit eurer Tuschelei", murmelte ich vor mich hin und bearbeitete weiter verbissen das Schloss.

Währenddessen kam das verdammte Flüstern aber näher und wirkte nun sehr aufgeregt. Letztlich kapierte ich, dass die Scheiße direkt von der anderen Seite der Tür kam, die ich gerade zu überwältigen versuchte. Mein erster Gedanke war, dass Einbrecher in meiner Wohnung waren, aber eine Sekunde später fiel der Groschen und ich musste einsehen, dass ich selbst gerade versuchte in eine fremde Wohnung einzubrechen und dass die rechtmäßigen Bewohner direkt auf der anderen Seite der Tür standen und sich womöglich das Beinkleid befeuchteten.

Tagsüber hatte ich beobachten können, wie staatliche Hundefänger mit streunenden Hunden umsprangen, die in den Parks und Straßen massig unterwegs sind. Auf rumänische Bullen hatte ich daher nun wahrlich keinerlei Böcke. Zumal ich zu wissen glaubte, dass die Römer traditionell einen Groll gegen Germanen im Widerstand hegten, eine Gefangennahme galt es unbedingt zu vermeiden. "Здравствуй кот!!" Guten Tag, Kater! rief ich daher auf Russisch durch die Tür, um für die vermutlich folgenden Ermittlungen der Milizen eine falsche Fährte zu legen. Dann rannte ich los. Ich bretterte die alten knorrigen Holztreppen mit einem beeindruckenden Getöse runter, denn mit dem wackeligen Sowjet-Fahrstuhl wollte ich mich auf meiner Flucht lieber nicht nochmal anlegen.

Auf der Treppe zwischen erstem und zweiten Stock kam es beinahe noch zu einem heftigen Unfall, denn die vier Gören von vorhin hatten sich dort mit Schlafsäcken zur Ruhe gelegt. Da ging mir noch ein zweites Licht auf, denn mir wurde klar, dass es sich bei den Rackern um Straßenkinder handeln musste, die in Bukarest zu Tausenden in kleinen Banden unterwegs sind und vor allem am Bahnhof den ehrenwerten Bürgern die Taschen leeren. Das erklärte auch, warum die so blöde geglotzt hatten, als ich hinter ihnen ins Haus geprescht war, denn die waren von den Bewohnern vermutlich nicht gern gesehen.

Für derlei Überlegungen hatte in dem Moment jedoch keine Zeit. Mit ein paar gekonnten Sprüngen hüpfte ich geschmeidig wie ein Gnu durch das Bettenlager ohne auch nur ein einziges Kind zu treten, rief noch "Gute Nacht ihr kleinen Prinzen!" und schon war ich wieder in der Eingangshalle und an der Tür.

Draußen hielt ich kurz inne und lauschte nach Polizeisirenen, hörte aber nur normalen Straßenverkehr und lautes Rülpsen aus einem Fenster. Dennoch ging ich vorerst um eine Ecke um bei einer Kippe die Straße im Auge zu behalten und abzuwarten, ob etwas passiert. Ich musste an eine Dokumentation über die Varusschlacht denken, in der ein paar Germanen im Teutoburger Wald einen großen Teil des römischen Heeres Schellen verpasst hatte und spielte mit dem Gedanken, den anrückenden rumänischen Truppen aus dem Hinterhalt das Handwerk zu legen. Aber dann war die meine Zigarette fertig und keine Sau war aufgetaucht, also ging ich stattdessen nach Hause schlafen.