Döner­eule

Wegen einer Verletzung im Einsatz war ich mal ein paar Wochen dienstunfähig. Ich war eigentlich fit, aber der Amtsarzt hat mich eben krankgeschrieben, also durfte ich nicht in den aktiven Dienst. Mir wurde ziemlich schnell langweilig, also habe ich aus Spaß beim Dönermann um die Ecke gefragt, ob ich aushelfen kann. Überraschend sagte der "klar Mann, hier hast du 'ne Schürze" und schon stand ich hinterm Tresen. Die Arbeit war ziemlich gemütlich und lustig und den Chef kannte ich als Stammkunde eh schon ewig, der war voll in Ordnung. Hübschen Frauen haben wir extra Zwiebeln und Knoblauchsauce gegeben, Stammkunden extra Fleisch und Touristen bekamen halbe Döner, je nach Nervigkeit auch mit unserer Spezialsauce. Nach einer kurzen Einführung durfte ich dann auch am Fleisch rumsäbeln und mein Chef war echt beeindruckt von mir, der wusste ja nichts von meiner Nahkampfausbildung mit allerhand Klingenwaffen. War alles in allem sehr geil diese Zeit.

Eines feinen Abends kam jedenfalls so eine turbonervige, dürre Tante rein. So um die dreißig Jahre alt aber die Mentalität von einer sechzigjährigen verbitterten Bibliothekarin. Frisur wie ein Vogelnest und dazu so eine gigantische Hipsterbrille. Und, wie konnte es anders sein, als sie die Fresse aufmachte hörte man gleich den schwäbischen Dialekt, auch wenn sie offensichtlich versuchte in höchstgestochenem Hochdeutsch zu schwätzen.

"Hallo," sprach sie dann auch alsbald, "einen Döner zum Mitnehmen bitte, ohne Zwiebeln und mit wenig Fleisch." Dafür dann aber gerne etwas mehr Spezialsauce, dachte ich mir und fragte "welche Sauce?" während ich ein Brot in den Toaster warf. "Nur Kräutersauce, kein Knoblauch. Und Nicht! Scharf! ... Bitte." Sie hängte das "bitte" mit einiger Verzögerung an, als würde ihr immer zu spät einfallen, dass Dönerleute keine Leibeigenen sind und keine Befehle empfangen. "Viel scharf?" Ich musste als professioneller Dönermann fragen, nicht dass sie am Ende was falsches bekäme, was eine schlimme Verletzung meines Dönerkodexes wäre. "NICHT! SCHARF! ... Bitte." Die Gute war jetzt schon sichtlich gereizt. Das würde noch lustig werden dachte ich und nickte verstehend.

"Und das Fleisch bitte gut durch! Ich habe mir letzten Mittwoch hier einen Döner gekauft und das Fleisch war noch fast roh. Aber auch nicht zu knusprig! ... Bitte."

"Eule!" rief ich, denn ihre Riesenbrille machte mich echt fuchsig, "das ist hier Mega-Döner 2000 und nicht Maredo. Du kriegst das gleiche leckere Pressfleisch wie alle anderen auch. Aber der Chef sagt das ist frisch, also chill mal."

Ich stellte mich mit dem Rücken zu ihr vor den Dönerspieß, so dass sie nicht sehen konnte, wie ich die Fleischkrümel aus der Spalte hinten unter dem Spieß in ihr Brot beförderte. Die dürften gut durch gewesen sein nach zwölf Stunden Berieselung mit heißem Fett.

Ich begann, Zwiebeln und das andere Gelumpe ins Fladenbrot zu stopfen und fragte sicherheitshalber nochmal "Salat komplett, ja?"

"Halt! Stop! Ohne Zwiebeln!" schnappte sie. Es war ihr anzusehen, dass sie sich langsam Sorgen um ihr köstliches Abendmahl machte.

Ich rollte genervt mit den Augen und fischte mit der Salatzange zwei von zwanzig Zwiebelstücken wieder raus.

Ich klatschte ordentlich Knoblauchsauce drauf. Die Eule guckte kritisch, aber traute sich wohl nicht zu, die Saucen zweifelsfrei auseinander zu halten. "War doch Kräuter, ja?" fragte ich. "Ja, Kräuter, sonst nichts." "Nur Kräuter." bestätigte ich nochmal und machte noch einen kleinen Klecks Kräutersauce auf die Knoblauchsauce. "Macht drei fünfzig" sagte ich zu ihr und dann zu Ahmed: "Alufolie ist leer hier, kannst du kurz hinten einpacken?" Der verstand und verschwand mit der leckeren Fleischtasche in der "Küche".

Während Ahmed dem Döner im Raucherzimmer den letzten Schliff gab und die Alte ihr Kleingeld abzählte, erdreistete sie sich noch, wegen angeblicher Ruhestörung pampig zu werden. Von wegen sie würde ja über dem Laden wohnen und unsere Musik sei nachts zu laut. Ich zuckte nur mit den Schultern und sagte, ich würde nachts nicht arbeiten. Was ja auch stimmte, da saßen wir nämlich im Raucherzimmer/Küche, tranken Raki und hörten abwechselnd laut türkisches Popgejaule und Apocalyptic Stenchcore, so dass jeder auf seine Kosten kam.

Ahmed war mittlerweile zurück, in der Hand den verpackten Döner und im Gesicht ein so dreckiges Grinsen, dass ich laut lachen musste. Die Eule unterbrach das Rumgefummel in ihrem Kleingeldfach und guckte mich verunsichert an. "Brauchste Hilfe?" fragte ich hilfsbereit, wenn auch zugegebenermaßen mit etwas spöttischem Unterton und zeigte auf ihren Geldbeutel. Sie antwortete nicht, gab aber ihre langwierige Kleingeldsuche auf und klatschte stattdessen einen Fünfer auf den Tresen. "Hast du es vielleicht passend? Wir haben grad kein Kleingeld mehr. Sonst muss ich mal rüber zum Späti laufen und wechseln, das dauert kurz." "Stimmt so!" zischte sie, schnappte sich ihren Döner und stapfte davon. "Tschüüüss!" riefen Ahmed und ich ihr fröhlich im Chor hinterher.

Ich hab sie nie wieder gesehen, aber immer wenn ich auf einen Döner vorbei komme erzählt mir Ahmed haarklein und Tränen lachend, was er damals im Hinterzimmer mit dem Döner angestellt hatte und dann trinken wir einen Raki auf die guten Zeiten.